Zwischen Punk und Informel - Überlegungen zu einem neuen Piktorialismus
Piktorialismus historisch
Die Fotografie war zur Malerei stets ein konkurrierendes Medium und wurde von den Vertretern der letztgenannten von Anbeginn an zutiefst mißtrauisch beobachtet.
Aber auch die Fotografen sahen dieses Konkurrenzverhältnis und versuchten auf unterschiedliche Weise darauf zu reagieren.
Da wären als frühe vertreter die Piktorialisten um
Edward Steichen zu nennen, die tatsächlich die Kunst mit den Mitteln der Fotografie nachzuahmen
versuchten. Und so schuf Steichen Fotografien, die stark an Böcklins "Toteninsel" erinnern. Insgesamt ist eine starke Affinität des
Fotografen zum Symbolismus anzusehen. Sehen wir einmal davon ab, dass es spätestens im 20. Jahrhundert zum selbstverständlichen Mittel
des Malers gehört, sich des Fotos - und sei es als Gedächtnisstütze - zu bedienen, so gibt es fortan spannende Wechselspiele zwischen Malerei
und Fotografie: Jeff Wall und Cindy Sherman zitieren in ihren Fotografien immer wieder Werke aus der Kunstgeschichte:
der gelernte Kunsthistoriker Wall bevorzugt Manet und Sherman greift auf unterschiedliche Vorbilder in der Malerei zurück.
Was möchte ich damit?
Meine Idee ist mit denen der Piktorialisten tatsächlich zu vergleichen: ich versuche mit dem Fotoapparat zu "malen". Dabei steht mir die abstrakte Kunst extrem nahe und davon besonders die Strömungen
art informel >> und
abstract expressionism >> der fünfziger Jahre. Frei nach Picasso
ich suche nicht, ich finde, male ich nicht mehr, sondern ich "sehe" Bilder: abgerissene Plakate, Graffities, Rost, Brandspuren, Verwitterung, und und... Das spezielle Bild entsteht dadurch, dass ich den Fotoapparat auf einen speziellen Ausschnitt halte, den ich sehe. Manchmal werden diese Ausschnitte am Computer noch verändert. Ziel ist es, ein für mich befriedigendes kompositorisches Ergebnis zu erlangen.
Warum Punk?
Ich besitze nur eine Punk-Scheibe auf Kassette (Slime) und eine weitere Post-Punk-Scheibe (Fehlfarben: Monarchie und Alltag, bei den anderen NDW-Sachen würde ich nicht von Post-Punk sprechen) neuerdings elektronisch. Mir war diese Musik meistens zu laut und zu krawallig und die Punk-Autonomen, die ich kannte, mitunter zu gewalttätig. Dennoch habe ich mich diesen Menschen und ihrem sich Gegen-Die-Gesellschaft-Stellen, ihrem Mut, sich exponieren, immer sehr verbunden gefühlt. Die Spannung zwischen Sich-Bewußt-Häßlich machen und einer nicht vordergründigen Schönheit, das ist es vielleicht, was analog zu sehen ist zu dem, was ich da fotografiere. Nicht alle Graffities sind schön; genau genommen die wenigsten. Abblätternde Farbe, rostige Stäbe, Plakate in Auflösung sind vordergründig gesehen nicht schön. Aber ein ungewöhnlicher Blick, ein bestimmtes Detail kann eine diesen Dingen innewohnende Schönheit offenbaren. Warum also Punk?
Viele meiner Motive sind außerhalb dessen angesiedelt, was man gemeinhin als schön bezeichnet, sie sind grobschlächtig, laut und - natürlich - anarchisch. Und hier kommt das leise, verletzliche des Informel ins Spiel. Durch meine Details mache ich diese Motive teilweise auch wieder leise und verletzlich.
Wols >> und
Jean Fautrier >>, traumatisiert durch den 2. Weltkrieg verarbeiten ihn ihren Bildern ihre seelische Verletztheit, Fautrier vielleicht mit seinen "Otages" noch stärker.
Die letzten 16 Fotos der Erfurt-Reihe sind unter einem - natürlich nicht mit dem von Wols oder Fautrier vergleichbaren - traumatischen Schock entstanden. Auch sie wollen Protokolle seelischer Verletztheit (so ähnlich beschrieb der Kunsthistoriker Werner Haftmann einmal die Malerei den Informel) und gleichzeitig ausgesprochener Aggressivität sein. Deshalb: Punk trifft Informel!
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